Architektur und Wein
Fragt man nach der Geschichte und dem Ursprung der Weinarchitektur, werden meist die Wein-Chateaus im Bordeaux genannt. Aber auch in Franken gab es schon früh Architektur für den Wein. Das 18. Jahrhundert mit den barocken Kirchen, den Rathäusern, Gaststätten und Gutshöfen prägt bis heute das Erscheinungsbild fränkischer Dörfer und Kleinstädte.
Aus dieser Zeit stammen Beispiele herausragender barocker Architektur, die auch dem Wein gedient haben. Man denke nur an den Würzburger Hofkeller unter der Residenz oder die Weinkeller unter dem Fürstenbau des Juliusspitals.
Während die historischen Gebäude im ländlichen Bereich in weiten Teilen erhalten blieben, gibt es in Würzburg und Schweinfurt nur noch wenig originale Bausubstanz.
Die Zerstörung der historischen Architektur durch den Krieg wird als schmerzlicher Verlust empfunden. Viele Franken sehen die Folgebauten der 1950er und 60er Jahre im Altort immer noch als offene Wunde, die möglichst bald durch einen barockisierenden Neubau geheilt werden sollte.
Die zum Teil hohe architektonische Qualität der Nachkriegsbauten wird häufig nur wenig geschätzt. Bei den Winzern ist dagegen nur wenig Berührungsangst mit zeitgemäßer Architektur vorzufinden. Seit etwa 20 Jahren ist innerhalb Europas ein Weinarchitektur-Boom im Gange.
Die Winzer der Steiermark und des Burgenland haben sich in den 1990er Jahren mit einer Qualitätsoffensive aus dem Sumpf der Weinskandale herausgezogen.
Begünstigt durch Subventionen der EU entstanden dort und in Südtirol ebenso ambitionierte wie aufwändige Weingüter.
Der fränkische Weißwein hat sich in den letzten Jahren international eine herausragende Stellung erarbeitet. Nun scheint auch hier der Qualität der Weine die Qualität der Weinarchitektur zu folgen. Die Winzer und auch die Architekten in Franken werden seit vielen Jahren durch die Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau bei baulichen Maßnahmen beraten. Dr. Kollesch mit seinem Beratungsteam hat die fränkischen Winzer auf Qualität eingeschworen und sie ermutigt, moderne Architektur zu wagen.
Die Winzer haben die Architektur als Mittel der Vermarktung entdeckt.
Weingüter, Vinotheken, Weinverkaufsräume schaffen mit ihrer Architektur einen unverwechselbaren Stil und Imagefaktor für die Weingüter.
Die Weinarchitektur wird zu einem wesentlichen Mittel des Weinmarketings und ist von großer Bedeutung für die Positionierung der Marke „Weingut“.
Dabei wird das gesamte Weingut vom Weinberg über den Keller bis zur Vermarktung erlebbar.
Inzwischen werden sehr viele Weingüter umgebaut oder erweitert. Um sich aus der Masse der Weingüter hervorzuheben, reicht es nicht mehr aus, beim Bauen der Probierstube nur die regionalen Materialien Muschelkalk und Eiche in einem „modernen“ Stil einzusetzen.
Damit das Einkaufs- und Degustationserlebnis zu einem einmaligen Erlebnis wird, muss der Architekt aus dem speziellen Ort mit seiner Geschichte, der Persönlichkeit der Winzer und der Eigenschaft der angebauten Weine eine individuelle Architektur schaffen. Dadurch kann für die Kunden ein einmaliges Weinerlebnis entstehen.
Bei der Planung eines Weingut versuchen wir zuerst die Winzerfamilienäher näher kennen zu lernen, zu verstehen, was sie bewegt, wie sie sich selbst wahrnehmen als Weinproduzenten.
Das Weingut muss zum Winzer passen, es darf nicht zu einem aufgesetzten Marketinggag werden.
Nicht von der Persönlichkeit des Winzers zu trennen ist natürlich der Wein, den er anbaut und ausbaut. Die Architektur muss auch zum Wein passen. Dafür müssen die Architekten die Philosophie des Weines verstehen. Erzeugt das Weingut feinen und raffinierten Wein, oder ist der Wein eher bodenständig? Das sinnliche Erlebnis der Architektur muss im Einklang mit dem Wein stehen.
Verfolgt das Weingut eine Premiumstrategie wird der Wein natürlich anders präsentiert als bei Vermarktung größerer Massen. Der Wein erhält einen anderen Stellenwert, wenn nur wenige Flaschen ausgestellt werden oder der Kunde auf ganze Weinkisten zugreifen kann.
Wenn die Planung eines Weingutes die individuelle Persönlichkeit des Winzers, den besonderen Ort und die Eigenheit der produzierten Weine berücksichtigt, können unverwechselbare Räume entstehen. Solche Orte berühren und bewegen Menschen. Sie prägen sich in die Erinnerung ein.
Architektur und Wein passen gut zusammen.
Architektur schaffen und Wein erzeugen benötigen beide Hingabe und Leidenschaft. Das verbindet Winzer und Architekten und schafft eine gute Grundlage für die Zusammenarbeit.